Versicherungen - Wären wir Gangsterbosse, dann müssten wir sie erschiessen.

Versicherungen. Ein Thema das bei mir exzessives Gähnen auslöst, führt bei Investoren dieser Tage zu nervösen Zuckungen. Alles was sich rund um Versicherungen dreht, ist im Start-Up Universum gerade der «heisse Scheiss». Experten sind sich einig: Die nächste alles verändernde Disruption ist hier zu erwarten. Es ist die Rede vom «Amazon», dem «Spotify» oder des «Ubers» das kommen und in der Traditionsbranche keinen Stein mehr auf dem anderen lassen wird. Start-ups im Bereich der Insurtech Szene holen Ventures in Millionenhöhe und insgesamt sind die Investitionen in diesem Bereich im letzten Jahr um ein Drittel, auf 2,3 Mrd. Dollar, gestiegen - das sagt jedenfalls die NZZ. Was auch immer dieses Investitionsvolumen nun bringen wird, Bewegung bringt sie allemal.  

 Die NZZ bringt ein Balkendiagram darüber, wie sich die Investitionen in den Bereich aufteilen, das sieht so aus:

https://www.nzz.ch/wirtschaft/insurtech-firmen-auf-dem-vormarsch-ld.1355026

https://www.nzz.ch/wirtschaft/insurtech-firmen-auf-dem-vormarsch-ld.1355026

Da entsteht ein grosser Markt und was wohl den meisten neuen Anbietern gemein ist, die in diesem Bereich aufpoppen ist das sie Daten abgreifen - mehr oder weniger, dauerhaft oder temporär und an unterschiedlich sensiblen Stellen.

Und jetzt stellt sich dann doch ein fader Beigeschmack ein, denn Versicherungen, die wissen einfach zu viel über einen. Wären wir Gangsterbosse, wir müssten sie erschiessen. Aber das sind wir ja nicht. Wir sind arglose Normalos und was soll man mit unseren Daten schon gross machen? Tja, vor allem mal Geld. Darum kommt jetzt die EU mit ihrer Datensteuer, Apps tauchen auf, die es einem ermöglichen die eigenen Daten zu monetarisieren und alle Reden über Datenschutz. Es scheiden sich die Geister zwischen Leuten, die Sachen sagen wie «Ach, so interessant bin ich nicht, was soll man schon mit meinen Daten machen» und anderen die versuchen komplett ohne «digital footprint» auszukommen. An Stammtischen werden dystopische Fantasien diskutiert über Identitätsklau à la Sandra Bullock in «The Net», haarsträubende Vorstellungen von potentiellen Arbeitgebern die in Zukunft über Bewerber in Erfahrung bringen können, ob sie ernsthaft erkrankt sind oder Krankenversicherung die aufgrund der erhobenen Daten im Fitness- und Lifestyle Tracker die individuelle Selbstverschuldung an einer Krebserkrankung feststellen könnten und entsprechend die Leistungen reduzieren.

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Autsch. Es wird hoffentlich nicht so furchtbar, aber es weist einiges daraufhin, dass sich das Kerngeschäft von Versicherungen auf die Monetarisierung von Kundendaten verschieben wird. Erste Testballone werden sogar von weithin innovationsresistenten Versicherungsriesen hier zu Lande gestartet, in Form von diesen Sport- und Lifestyletrackern. Doch was testen die da eigentlich mit diesen Ballonen und mit welchem Ziel? Tun die Unternehmen das um in der Digitalisierung nicht den Anschluss zu verlieren? Um die Bereitschaft der Konsumenten bei sowas mitzumachen zu testen? Um Auszuprobieren, wie freigiebeig die Menschen mit ihren Daten sind? Um sich zu wappnen für die Zeit in der besagtes «Uber der Versicherungsbranche» auftaucht, damit sie dann einen Wettbewerbsvorteil haben? Fragwürdig was das soll. Und wer macht Geschäfte mit jemandem der fragwürdige Dinge tut? Normalos eigentlich nicht.  

 «People do business with people they know like and trust.»

- Chris Brogan


Ich frage mich darum:

a) Testballon Lifestyle Tracker App?

b) Testballon Cyberschutz Versicherung?

Letzteres ist vielleicht nur ein Häkchen, das man am Ende des Vertrags noch zusätzlich setzt – für 5 Franken mehr im Jahr oder so. Man kann klein Anfangen und das einfache mal testen. Ich kann mir vorstellen, das Konsumenten eine Cyberschutzversicherung positiv quittieren würden, weil sie die diffuse Ängste vor untreuem Handel mit persönlichen Informationen beantwortet. Vielleicht ist das sogar ein Grund zum wechseln - Sicherheit ist ja ein zentrales Bedürfnis der Schweizer - quer durch alle Altersgruppen. Wechseln würde man damit zu einem Anbieter, der sich in diesem für jeden total heissen und unübersichtlichen Bereich als Thoughtleader positioniert, zu einer Versicherung die sich im digitalen Dschungel zurechtfindet. Die Versicherung die bereit ist für das Zeitalter der Digitalisierung. Ausserdem wäre das dann auch noch eine Versicherung, die endlich mal andere Geschichten erzählen könnte als die ewigen Stories darüber, ob man nun Kranken- oder Gesundheitskasse heisst, das man schnell zahlt im Fall des Beinbruchs und zusätzlich auch noch einen Lifestyletracker anbietet.

Nora UrschelerKommentieren